
Es ist doch fast jeden Morgen das gleiche Spiel: Der Wecker klingelt, dein Kind ist wach – der erste Schritt ist geschafft. Doch statt sich anzuziehen, widmet es sich sofort dem, was es am liebsten mag: Einem noch offenen Lego-Bauauftrag von gestern oder einer ausgiebigen Kuschelrunde.
Bei Geschwistern kommt oft noch eine eigene Dynamik dazu: Sie wollen sich gegenseitig etwas beweisen oder haben einfach Spaß daran, gemeinsam Quatsch zu machen. Für uns Eltern ist das oft der erste Stressmoment des Tages.
Warum Worte allein oft nicht helfen
Nun kommt für uns Erwachsene der kritische Blick auf die Uhr. Plötzlich werden wir ungeduldig und bauen Druck auf, den das Kind überhaupt nicht nachvollziehen kann.
Wichtig ist: Dein Kind meint es nicht böse. In diesen Momenten ist es oft einfach „zeitblind“. Es hat kein Gefühl dafür, dass „in 5 Minuten“ bald vorbei ist. Wenn der Große oben vor dem Kleiderschrank steht und sich zwischen dem roten und dem blauen Pullover entscheiden muss, ist der Auftrag „Zähneputzen“ oft schon wieder aus dem Arbeitsspeicher gelöscht.
Bilder statt Predigten: Der Anker im Chaos
Hier braucht es Orientierung statt Ermahnungen. Worte sind oft nicht die beste Wahl, da wir schnell unsere eigene Anspannung mit hineinbringen. Ein Bild hingegen ist neutral und klar.
Wir können es uns und den Kindern deutlich leichter machen, indem wir den Ablauf visualisieren. Richtig platzierte visuelle Anker (z.B. eine Piktogramm-Leiste im Bad oder am Kleiderschrank) helfen dem Kind, sich selbst zu motivieren und sich an einer festen Struktur entlangzuhangeln.
Das hat zwei riesige Vorteile:
- Weniger Konflikte: Die mahnenden Worte von uns Eltern werden automatisch weniger.
- Mehr Selbstständigkeit: Das Kind erlebt das tolle Gefühl: „Ich habe das ganz alleine geschafft!“
Probier es aus: Weniger reden, mehr zeigen. Es muss nicht perfekt sein, es muss nur sichtbar sein.

Vom Chaos zum Plan: So nutzt ihr die visuellen Helfer richtig
Einfach nur einen Plan auszudrucken und an die Wand zu pinnen, reicht bei unseren Wildfängen meist nicht aus. Nach zwei Tagen ist der Zettel oft genauso unsichtbar wie die Jacke, die mitten im Flur liegt.
Damit die Visualisierung funktioniert, muss sie interaktiv sein. Das ADHS-Gehirn braucht ständige kleine Belohnungen (Dopamin-Kicks), um dranzubleiben. Das bloße Ansehen einer Aufgabe ist langweilig. Das Erledigen und Abhaken hingegen macht Spaß.
So haben wir die besten Erfahrungen gemacht:
1. Bezieht das Kind mit ein (am Wochenende!) Überfallt euer Kind nicht am Montagmorgen mit dem neuen Plan. Setzt euch am Samstag oder Sonntag in Ruhe zusammen.
- Schneidet die Kärtchen gemeinsam aus.
- Lasst das Kind die Reihenfolge (soweit möglich) selbst bestimmen: Will es erst Zähneputzen oder erst Anziehen?
- Diese Mitbestimmung ist entscheidend – es wird sein Plan, nicht euer Befehl.
2. Weniger ist mehr Startet nicht mit 15 Aufgaben. Für den Anfang reichen die absoluten Basics, um nicht zu überfordern. Zum Beispiel:
- Anziehen
- Zähneputzen
- Ranzen nehmen
Wenn das klappt, könnt ihr später Feinheiten wie „Haare kämmen“ ergänzen.
3. Das Geheimnis: Die Interaktion (Der „Done“-Effekt) Das ist der wichtigste Punkt. Wenn eine Aufgabe erledigt ist, muss etwas Sichtbares passieren. Das gibt dem Gehirn das Signal: „Geschafft! Erfolg!“
Die Magnet-Methode (Unser Favorit): Besorgt euch ein günstiges Magnetboard oder nutzt den Kühlschrank. Klebt die Aufgaben-Kärtchen auf Magnetstreifen. Malt auf das Board eine Linie: Links ist „Zu tun“, Rechts ist „Erledigt“. Das Kind darf das Kärtchen nach Erledigung physisch von links nach rechts schieben. Dieses „Rüberschieben“ ist unglaublich befriedigend.
Die Klett-Methode: Laminiert den Plan und die Kärtchen und befestigt sie mit Klettpunkten. Nach Erledigung darf das Kind das Kärtchen „Abreißen“ und in eine „Fertig-Box“ werfen.
Die Klapp-Methode: Wenn ihr die Kärtchen an einer Schnur aufhängt, nutzt Wäscheklammern. Ist die Aufgabe erledigt, wird das Kärtchen umgedreht (auf der Rückseite könnte ein Smiley oder ein grüner Haken sein).
Die Wäscheklammer-Methode (Der Fokus-Helfer): Klebt die Aufgaben-Kärtchen untereinander auf einen langen Streifen Pappe oder laminiert sie als feste, vertikale Leiste. Das Kind bekommt eine Wäscheklammer (vielleicht eine besonders bunte oder mit Namen drauf). Diese Klammer wird immer an das Bild geklemmt, das gerade dran ist. Ist das Zähneputzen erledigt, wandert die Klammer eins tiefer zum „Schuhe anziehen“. Der Vorteil: Der Blick wird gelenkt. Das Kind sieht nicht den „riesigen Berg“ an Aufgaben, sondern nur die eine Sache, an der die Klammer gerade steckt. Gleichzeitig sieht man an der Position der Klammer, wie viel man schon geschafft hat (alles oberhalb der Klammer ist fertig!).
Warum das hilft?
Ihr müsst nicht mehr rufen: „Hast du schon Zähne geputzt?“. Ihr könnt stattdessen ruhig fragen: „Was sagt denn dein Plan, was jetzt dran ist?“. Ihr lagert die Autorität an den Plan aus. Ihr seid nicht mehr der genervte Antreiber, sondern der Coach, der beim Blick auf den Plan hilft. Das entspannt die Beziehung enorm.
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Kleiner, aber wichtiger Hinweis: Ich bin kein Arzt, Therapeut oder Pädagoge. Alle Inhalte hier basieren auf meinen persönlichen Erfahrungen als Vater, meinen Recherchen (z.B. nach Birkenbihl) und dem, was bei meinen Jungs funktioniert. Meine Tipps ersetzen keinen medizinischen Rat oder notwendige Therapien. Wenn du Fragen zu diesem Projekt hast oder mich unterstützen willst, klicke einfach auf den Button oben.
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